Produkt & Projekt – was ändert sich?

Die Blogparade (Aufruf zur Blogparade von madiko) für das PM-Camp Stuttgart 2015 heißt Produkt & Projekt. Im ersten Moment dachte ich, na gut, wenn das Produkt ein Einzelprodukt ist, dann entsteht das im Rahmen eines Projektes. Typisch zum Beispiel im Anlagenbau oder so. Wenn das Produkt ein Massenprodukt ist, brauche ich zur Produktion eines Einzelprodukts kein Projekt. Die Produkte werden in einer laufenden Fertigung produziert, laufen vom Band, landen in einer Verpackung. Es sind Standardprodukte, auch wenn es mehr oder weniger große Abweichungen zwischen den einzelnen Produkten geben kann. Wie zum Beispiel die Varianten bei Autos (Farbe, Motorisierung usw.) oder kundenspezifische Anpassungen bei Werkzeugmaschinen.

Alles bekannt, nichts neues, über das es sich zu schreiben lohnen würde, war mein erster Gedanke. Stimmt ja gar nicht, war mein zweiter! Es ändert sich eine ganze Menge. Das Stichwort ist das mittlerweile arg strapazierte Schlagwort von der Industrie 4.0. Ich bin überzeugt, dass sich diese Änderungen auch auf die Anforderungen an uns als Projektleiter Auswirkungen haben wird. Große sogar.

Mir ist klar, vielen von uns laufen die Ohren über, wenn für jede Neuerung in der Steuerungs- oder Automatisierungstechnik dieses Buzzword von der Industrie 4.0 strapaziert wird. Aber es hilft ja nichts- es werden in diesem Bereich Änderungen auf uns zukommen. Das wird keinen so revolutionären Charakter haben, wie das oft dargestellt wird. Die Änderungen werden eher evolutionär sein. Aber sie werden signifikant sein.

Die Änderungen werden auch für die Anforderungen an das Projektmanagement signifikant sein. Schauen wir dazu kurz, wo Projektmanagement in der industriellen Produktion überhaupt relevant ist. Entsteht ein neues Produkt, kann man zwei Gruppen von Projekten unterscheiden:

  1. Produktentwicklungsprojekte: Das sind oft die klassischen Design- und Konstruktionsaufgaben für neue oder verbesserte Produkte, Bauteile oder Werkzeuge
  2. Anlagenbauprojekte: Um die neuen Produkte in der notwendigen Stückzahl, der geforderten Qualität und zu entsprechenden (geringen) Zielkosten herstellen zu können, sind Produktionsanlagen notwendig. Dazu werden bestehende Anlagen erweitert oder angepasst oder neue Anlagen müssen gebaut oder beschafft werden. Die Stationen für die einzelnen Herstellungsprozesse werden vielleicht noch im Rahmen einer Gesamtautomatisierung verkettet.

Neben diesen beiden Projekten gibt es häufig noch weitere Projekte in den Bereichen Marketing, Technologie, Organisation usw., die hier jedoch nicht betrachtet werden.

Die Idee hinter dem Schlagwort Industrie 4.0 ist die intelligente, autonome Fertigung in Losgröße 1. Alle Elemente im Fertigungsbereich kommunizieren miteinander. Das zu produzierende Bauteil kommuniziert mit Handhabungs- oder Transportkomponenten und mit den Bearbeitungs- und Montagestationen. Integriert werden  Werkzeugwechsel, Qualitätssicherung und die weiteren unterstützenden Prozesse.

Was da meiner Meinung nach passiert, ist die Verabschiedung von den bekannten Produktlebenszyklen. Bislang werden neue Produkte konstruiert und dann über einen mehr oder weniger langen Zeitraum hergestellt. Vielleicht mit Modifikationen und Verbesserungen, aber im Grunde auf einer stabilen Basis. Ich bin überzeugt, dass in einer flexiblen und vernetzten Fertigung diese Zyklen keine Daseinsberechtigung mehr haben. Verbesserungen (am Produkt und am Fertigungsverfahren) können permanent einfließen.

Man kann das in ähnlicher Weise in der Software-Industrie beobachten. Windows 10 soll zum Beispiel keine Releases mehr haben, sondern soll kontinuierlich erweitert werden.

Im Projektmanagement werden wir es deshalb mit Umbrüchen zu tun bekommen, wie wir Projekte machen.

  • Kunden- und Marktanforderungen werden schneller in Produktänderungen einfließen. Wir wissen also nicht, was auf den Produktionsanlagen morgen produziert werden soll. Dadurch wird die Unsicherheit zunehmen, in der wir uns bewegen.
  • Die Komplexität wird weiter steigen, alleine schon durch zunehmende Vernetzung der Elemente, die im Projekt betrachtet werden.
  • Die Software-Anteile nehmen in Umfang und Komplexität einen immer größeren Anteil an den Projekten ein. Die Integration zwischen klassischen Entwicklungs- und Konstruktionsaufgaben und Softwareentwicklung wird stark zunehmen.
  • Aus Gesamtsystemsicht (Produktentwicklung und Entwicklung der Fertigungsprozesse) nimmt der Grad der Verzahnung weiter zu. Die hier bisher gewohnte Trennung der beiden Bereiche wird sich auflösen müssen.

Da kommt also einiges auf uns als Projektmanager zu. Wie können wir mit diesen Anforderungen umgehen?

Ein Schlüssel liegt für mich dabei in der Anpassung und Anwendung agiler Methoden, wie sie in der Softwareentwicklung schon seit Jahren in stark wachsendem Maße üblich sind. Wir müssen die Ideen aus Scrum, Kanban, Feature Driven Development (FDD) und den weiteren Methoden verstehen und sinnvoll adaptieren.

Ein weiterer Schlüssel ist das vernetzte Arbeiten in Projekten. Häufig ist es noch so, dass wir uns einmal die Woche zu Projektbesprechungen treffen, um uns abzustimmen. Das wird nicht ausreichen. Die Experten werden direkt in immer neuen Teams an immer neuen Aufgaben arbeiten. Die Form der Arbeit wird sich verändern. Unsere Rolle als Projektleiter liegt m. E. darin, diese neuen Formen zu moderieren und den Rahmen zu schaffen. Wir werden aber, davon bin ich fest überzeugt, weniger organisatorisch eingreifen, denn die Leute wissen selbst am besten, wen sie für die Lösung einer bestimmten Problemstellung brauchen.

Produkt und Projekt: Projektmanagement muss sich weiterentwickeln. Hin zu Methoden für agiles Vorgehen auch abseits reiner Softwareprojekte, hin zu stärkerer Vernetzung, hin zum offenen Umgang mit Unsicherheit. Ich glaube, die Rolle des Projektmanagers wird sich ändern, weg vom Organisator und Planer, hin zum Moderator und Coach. Für mich sind das total spannende Entwicklungen, auf die ich mich sehr freue!

Ein Gedanke zu „Produkt & Projekt – was ändert sich?

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